Die Tradition der Familie Zanatta

Die meisten großartigen Dinge im Leben entstehen infolge einer Reihe scheinbar unbedeutender, kaum miteinander in Verbindung stehender, kurzer Momente und Geschehnisse. In der italienischen Stadt Nervesa saß Oreste Zanatta nach dem Zweiten Weltkrieg in einer kleinen, schwach beleuchteten und wenig einladenden Werkstatt auf einem Holzstuhl an seinem Arbeitstisch. Seine bescheidene Kleidung, bestehend aus Hemd und Hosen, war teilweise von einer Leinenschürze bedeckt, die infolge des langjährigen Gebrauchs verschlissen war. Seine kräftigen Hände waren schwielig und wiesen die Spuren des Handwerks und der Arbeitsmoral auf. Zangen, Ahlen, Klingen und anderes Schusterwerkzeug umgaben seinen Arbeitsplatz. An dieser Werkbank, auf diesem Stuhl fertigte Oreste Wander- und Arbeitsschuhe an. In Wirklichkeit schuf er die Grundlagen für die Skistiefel von Tecnica.

In den 60er Jahren erlebte Italien einen Boom im Freizeitsektor, der auch ein massives Wachstum des Wintersportbereichs mit sich brachte. Die beiden Söhne von Oreste, Giancarlo und Ambrosiano, die das Geschäft übernommen hatten, witterten ihre Chance und beschlossen, in den Skimarkt einzusteigen. Sie entwickelten die Marke und stellten die Schuhen nicht länger in Orestes kleiner Werkstatt her, obwohl sein handgemachtes Produkt und das maßgeschneiderte Design immer noch das Herzstück der Firma waren. So entstanden die Skischuhen Tecnica mit einem spezifischen Design, das auf den neu gestalteten Lederschuhen basierte.

1969 traf das Unternehmen Tecnica den Geschmack der Massen, indem es der Welt die Moonboots präsentierte, die speziell für den Après-Ski gedacht waren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch kein Hersteller jemals einen solchen Skischuh auf den Markt gebracht. Da die Zanatta-Brüder selbst Skifahrer waren, kannten sie die beiden Höhepunkte eines Skitags: der aufregende Beginn am Morgen und das erholsame „Danach“ am Nachmittag. Skifahrer brauchen einen bequemen, warmen Schuh, den sie bei der Party nach dem Training tragen können. Mit Füßen, die sich anfühlen wie Hackfleisch, ist es schwierig, sich entspannt über den Skisport zu unterhalten und eine Käsefondue zu genießen.

Die Moonboots wurden den Astronauten des Raumschiffs Apollo nachempfunden. Sie waren groß, bunt, flippig, bequem und passten an jeden Fuß. Die Skifahrer mit ihren verkrampften Zehen verliebten sich massenweise in die Schuhe. Bis zum heutigen Tag wurden weltweit 27 Millionen Paare davon verkauft.

Komische, komfortable und amüsante Schuhe waren die eine Sache, aber Tecnica behielt beim Skisport auch die Innovationen für den Abfahrtslauf im Auge. Der Erfolg des Labels konnte dank der verstärkten Zukunftsorientierung und des kreativen Designs fortgesetzt werden. 1970 führte Tecnica weltweit den ersten doppelt geschäumten Skischuh Tecnus ein. Endlich gehörten Skischuhe, die aussahen wie hastig umgearbeitete Bärenfallen, der Vergangenheit an.

 

Die Verwendung von zwei verschiedenen Kunststoffen – einer harten Plastikschale unten und einer flexibleren Manschette im oberen Bereich – gewährleistete dem Verbraucher oder Skisportler einen bisher nie gekannten Tragekomfort, gute Passform und technische Präzision. Dieses Modell veränderte die Skibranche und -erfahrung. Der Erfolg der Moonboots und der Stiefel Tecnus sowie der Launch der Linie TNT-Stiefel im Jahre 1980 führte zur Gründung von Tecnica.

Ende der 70er Jahre begann Tecnica Vier-Jahreszeiten-Schuhe zu entwickeln. In den 80ern war Tecnica das erste Unternehmen, das sowohl synthetische als auch technische Materialien sowie Gore Tex für seine Wanderschuhe verwendete. Nun hatten die Bergsteiger endlich einen wasserfesten, atmungsaktiven und leichten Schuh. Und wie es die Tradition der Moon Boots verlangte, waren sie außerdem farbig. Mit Schuhen, die einerseits Flair aber auch technisches Talent boten, konnte das Universum der Wanderer jetzt auch Stil zeigen.

Die 80s kennzeichneten auch den Beginn einer fachgerechten Ausbildung der nächsten Zanatta-Generation. Giancarlo startete ein inoffizielles „Bring-dein-Kind-zur-Arbeit-mit“-Programm. Im Alter von 15 Jahren besuchte Alberto Zanatta seine erste Betriebsversammlung. Von 1983 von 1986 holte Giancarlo seinen Sohn Alberto aus der Schule und nahm ihn zu Fachmessen für Sportartikel mit. Das Einarbeiten in das Geschäft der Familie und der Besuch von Handelsausstellungen, auf denen die neueste und beste Sportausrüstung gezeigt wird, sind keine schlechte Alternative zur Schule. Sicher besser als eine Klassenarbeit in Mathe. Alberto, ein leidenschaftlicher Skirennläufer und Naturbursche, war sofort begeistert.

Nachdem Alberto auf dem College seinen Abschluss gemacht hatte, reiste er ein Jahr lang durch die USA. Er besuchte Kunden und Klienten, sammelte Rückmeldungen und Reaktionen zu den Produkten von Tecnica und meldete seine Ergebnisse im wöchentlichen Rhythmus. Im folgenden Jahr machte er dasselbe in Deutschland für die Outdoor-Marke Lowa, die Tecnica 1993 erwarb. Noch im gleichen Jahr schloss Alberto die Handelsschule ab und wurde dann 1994 offiziell angestellt … als Buchhalter. Sicher nicht der aufregendste Job in diesem oder jedem anderen Unternehmen, aber nachdem er vier Jahre lang mit Zahlen jongliert hatte, wurde er zum Verkaufsleiter in Europa ernannt.

Während Alberto die Karriereleiter des Unternehmens erklomm, konnte Tecnica ein beachtliches Wachstum verzeichnen. 2008 wurde die Holding Tecnica Group gegründet, zu der die Firmen Tecnica, Blizzard, Moon Boot, Lowa, Nordica, Dolomite und Rollerblade gehörten. Nach seiner Tätigkeit als CEO des Labels Tecnica und der Unternehmensgruppe Tecnica Group wurde Alberto 2015 zum Vorstandschef der Tecnica Group nominiert. In den 2000er Jahren festigte die Marke Tecnica ihre Position als Branchenführer, indem sie weiterhin innovative und technisch fortschrittliche Designs für Skischuhen wie thermoformbares Futter, schnelles, komfortables Ein- und Aussteigen, dynamische Skitouren-Modelle, progressive Flex-Werte für die Abfahrt anbot. Materialien, Passform, Aufbau, Design und Leistung folgten stets dem Leitmotiv „ständige Innovation“, dem sich schon der Gründer von Tecnica Giancarlo Zanatta verschrieben hatte.

Im Frühjahr 2017 saß Alberto Zanatta nach einer Forschungs- und Entwicklungsreise und seinem Erholungs- und Entspannungstrip nach Alaska an seinem Schreibtisch im Firmenhauptsitz in Giavera del Montello, Italien. Vor ihm leuchtete ein Bildschirm, und neben der Tastatur lagen Berichte, Produktentwürfe und Papierstapel, die sich wie Berge auftürmten und für die Leitung eines internationalen Unternehmens erforderlich sind. Unter seiner Brille, die er auf den Nasenrücken geklemmt hatte, huschte ihm ein Lächeln über das Gesicht. Er blickte auf seine Hände, die nicht so dick und rau wie die seines Großvaters waren, er betrachtete seine Kleidung, einen maßgeschneiderten Anzug, keine abgetragene Arbeitsschürze. Aber ihn erfüllte dieselbe handwerkliche Befriedigung, die damals schon sein Großvater empfand.

Als Kind liebte Alberto den Skisport, weil er ihm eine reine, unverfälschte Freude vermittelte. Ihm gefiel die Schnelligkeit, das Gefühl der Skier, die unter seinen Füßen dahinglitten und Kurven beschrieben. Er fühlte sich wohl und lachte, wenn er sich eins mit der Natur fühlte. Und genau wie Giancarlo wurde Alberto von dem Wunsch beseelt, das allerbeste Produkt für eine ganz bestimmte Aufgabe zu schaffen: eines, das dem Nutzer Freude macht. Was Tecnica auszeichnet, ist das Vermächtnis von Zanatta: traditionelle Begeisterung.